Zum Inhalt springen

It Was Our History

5 Min.1.109 Wörter

These are momentous days. There are great decisions taken. There are mass meetings to discuss the war and the city’s history, and the avanc and the weather and the future.

— China Miéville: The Scar, 2002, S. 515

Das zweite Buch in China Miévilles Bas-Lag-Reihe, The Scar, erzählt von einer schwimmenden Piratenstadt: Armada. Zusammengesetzt aus vielen einzelnen Booten und Schiffen, leben die Pirat*innen in ihren Stadtteilen teils autonom, teils unter der Herrschaft verschiedener Piratenkapitän*innen.

Die inoffiziellen Anführer*innen von Armada, nur The Lovers genannt, suchen in klassischer Piratenmanier nach einem legendären Schatz. Um ihn zu erreichen, müssen sie ein interdimensionales Seeungeheuer beschwören, den Avanc. Herauszufinden, wie das geht, die Beschwörung und Zähmung des Avancs sowie die eigentliche Schatzsuche bilden den Fokus der Handlung.

Im dritten Buch derselben Reihe, Iron Council, geht es um eine Gruppe von Gleisarbeiter*innen und den Tross an Hilfskräften — nicht zuletzt eine Gruppe von Prostituierten —, die in der Wildnis des fiktiven Kontinents Bas-Lag eine Eisenbahn bauen, vergleichbar mit dem Gleisbauprojekt der USA im 19. Jahrhundert. Im Laufe der Handlung schließen sie sich zu einem revolutionären Kollektiv zusammen, kapern den Zug und die Schienen und reisen daraufhin frei und selbstbestimmt durch den Kontinent.

Beide Bücher handeln von Menschen, die sich von der bürgerlichen Gesellschaft lossagen, um selbstbestimmt zu leben. Das verläuft nicht immer konfliktfrei: In beiden Büchern geht es auch um Richtungs- und Machtkämpfe, die oft mit Worten, manchmal aber auch gewaltsam ausgetragen werden.

Beide Romane sind zugleich Geschichten über Fortschritt an sich. Sowohl Armada als auch der titelgebende Iron Council sind klassische Fortbewegungsmittel und zugleich Wohnstätte und Heimat der Protagonist*innen.

Der Avanc aus The Scar soll an die schwimmende Stadt gekettet werden, um sie wortwörtlich fortzuziehen. Das Ungeheuer stammt aus der walisischen Mythologie und wird mal als riesiges Krokodil, mal als Biber dargestellt — doch in dieser Schreibweise, avanc, lässt sich auch die Wurzel des Wortes „Fortschritt“ in den romanischen Sprachen erkennen: el avance, l’avancée, avanzamento und natürlich, im Englischen, to advance. The Lovers wollen also den monströsen Fortschritt beschwören, um an ihren Schatz zu gelangen.

Dass der Zug in Iron Council ein Symbol für den Fortschritt ist, muss man wohl nicht weiter erklären.

Auch in ihrem Ende ähneln sich die Bücher stark: Der Fortschritt wird – Achtung, Spoiler – aufgehalten.
In The Scar meutert die Piratenstadt, als sie von einem Zeitreisenden erfährt, dass das Ziel ihrer Reise — die titelgebende Narbe — sie nicht zu ihrem Schatz, sondern nur in den Untergang führen wird. Die Pirat*innen sehen ein, dass sie umkehren müssen. Bis auf eine der beiden Lovers, die, in einem Ruderboot ausgesetzt, weiter ihrem Ende entgegenfährt. Dem Fortschritt Einhalt zu gebieten, war überlebenswichtig für die Stadt und die Menschen darin. Es war eine gemeinsame Entscheidung des Kollektivs, und es stand allen frei, der Lover doch noch in ihren Untergang zu folgen.

In Iron Council rast der Zug im Höhepunkt der Handlung auf die zentrale Metropole der Welt zu, New Crobuzon. In der Stadt kämpfen andere revolutionäre Gruppen gegen die Polizei und die bisherigen Herrscher*innen. Sie stehen kurz vor der Niederlage und warten auf die Hilfe des Iron Councils. Im letzten Moment, die Stadt schon in Sichtweite, wird der Zug wortwörtlich in der Zeit eingefroren: Ein führendes Mitglied der Gruppe, der Golem-Magier Judah Low, hat einen Zeitgolem erschaffen, der den Zug nun in einer Art Zeitblase gefangen hält. Judah war überzeugt, dass ein Eingreifen des Iron Councils in die Revolution den sicheren Tod bedeutet hätte; er friert den Zug lieber ein, als die Menschen darauf sterben zu lassen. Die anderen Mitglieder des Iron Councils, die sich nicht auf dem Zug befanden, reagieren mit Schock und Wut auf Judahs Tat. Er hatte ihre Leben gerettet, doch ihre Zukunft zerstört.

Auch in dieser Geschichte hätte ein Ankommen am Ziel den Untergang bedeutet. Doch hier war das Aufhalten des Fortschritts keine Entscheidung der Gemeinschaft, sondern die eines Einzelnen.

In der direkten Gegenüberstellung der beiden Bücher zeigt sich, dass Fortschritt für China Miéville nicht inhärent gut oder schlecht ist. Fortschritt hat — wenig überraschend bei einem Marxisten — keinen moralischen Wert an sich; es kommt darauf an, wie und für wen er eingesetzt wird.

In The Scar dient der Fortschritt der Wunscherfüllung der Lovers. Selbst wenn er nicht den sicheren Tod bedeutet hätte, wäre er für Armada kein Gewinn gewesen. Die Suche nach dem Avanc, die zu einer Anhäufung von Wissen und Material in Armada geführt hat, war zwar für alle gut, doch der Eifer der Anführer*innen wuchs über das Wohl der Stadt hinaus. Gleichzeitig wäre die Meuterei nicht möglich gewesen, hätten die Lovers der Stadt nicht genau diesen materiellen Reichtum und ihren Bürger*innen das nötige Selbstbewusstsein verschafft, indem sie die Pirat*innen immer weiter motiviert und angetrieben haben, mehr zu leisten. So haben sie Armada die Mittel für die Meuterei gegen sie selbst in die Hand gegeben.

In Iron Council ist diese Situation um 180 Grad gedreht. Obwohl der Zug rasenden Fortschritt machte und obwohl dieser den Untergang der Menschen an Bord bedeutet hätte, hatten sie sich gemeinsam für dieses Schicksal entschieden. Die laufende Revolution in New Crobuzon wäre wahrscheinlich so oder so gescheitert, doch hätte ein Eingreifen des Iron Councils vielleicht den Weg für die nächste geebnet, die Zeit dazwischen verkürzt, andere Menschen inspiriert. Die Menschen auf dem Zug waren solidarisch mit denen in der Stadt. Der Fortschritt war hier nicht der Traum einiger weniger Anführer*innen, sondern der des gesamten Kollektivs — und Judah Lows Entscheidung zerstörte ihn. Er verwandelte den Iron Council lieber in ein lebendes, eingefrorenes Museum: ein Denkmal für eine Revolution, die durch die Errichtung eben dieses Denkmals verhindert wurde.

China Miéville geht es nicht darum, ob es sich lohnt, für seine Überzeugungen zu sterben. Es geht nicht darum, immer den sicheren Tod oder das sichere Leben zu wählen, und auch nicht darum, ob Fortschrittsglaube gut oder schlecht ist. Es geht darum, dass Menschen sich Geschichte zu eigen machen müssen — dass keine einzelne Person und keine kleine Gruppe über Geschichte entscheiden sollte, ob nun eigennützig oder selbstlos gemeint. Die Gruppe, die Gemeinschaft, das Kollektiv muss der Geschichte habhaft werden.

Alles andere ist Quark.

She spoke quietly, but her voice still shook. “But we were never yours, Judah. We were something real, and we came in our time, and we made our decision, and it was not yours. Whether we were right or wrong, it was our history. You were never our augur, Judah. Never our saviour.

And you won’t hear this, you can’t, but this now isn’t because you’re a sacrifice to anything. This isn’t how it needed to be. This is because you had no right.”

— China Miéville: Iron Council, 2004, S. 470